Es ist wieder so weit. Wie jedes Jahr im August treffen sich „weit über 6.500 Schützen und Musiker in Neuss um für vier Tage zu Ehren des amtierenden Schützenkönigs“ im Waffenrock und mit stilisiertem Gewehr im Anschlag durch die Stadt zu ziehen. Die Motive der überwiegend männlichen Klientel sind vermutlich verschiedenartiger Natur. Regelmäßig Miliz spielen gehört wohl ebenso dazu wie die Meinung, sie müssten „alte Traditionen“ aufrechterhalten bzw. dieser gedenken. Wobei das eine das andere sicherlich keineswegs ausschließt. So werden auf der Internetseite des „Neusser Bürgerschützenvereins“ Sinn und Zweck der Veranstaltung wie folgt umschrieben: „Schützenfeste sind in ganz Deutschland, wie auch in den Niederlanden, Belgien, der Schweiz und Österreich, weit verbreitet. Sie haben sich fast überall von ernster Waffenübung zu frohem Spiel gewandelt. Doch soll man darüber die Notwendigkeit, aus der sie entstanden, nicht vergessen. „Stadtluft macht frei“ so hieß es. Diese Freiheit war jedoch nicht zum Nulltarif zu haben. Die Städte mussten ihre Freiheit gegen vielerart Bedrohung verteidigen. Sieg und Niederlage hing neben der Stärke der Stadtbefestigung von der Qualität der Bewaffnung ab und von der Fähigkeit der Bürger, sie zu handhaben.“ Wobei diese so genannte Freiheit mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur gegen finstere externe Mächte, sondern gegen alles, was nicht in das jeweilige herrschende Stadtbild passte, verteidigt wurde, liegt nahe.
Aber auch die „Schützenbrüder“ gehen mit der Zeit und so wird sich als aufrechter Bürger der Gegenwart nicht mehr der scharfen Waffe bedient um seine Freiheit zu schützen. Vielmehr geht es Hand in Hand mit der Polizei um seine Rechte zu sichern. Am Beispiel des Bürgerschützenverein Wevelinghoven (Rhein-Kreis Neuss) läßt sich festmachen, dass Schützenvereine auch heute noch eine „gesellschaftliche Schutzfunktion“ einnehmen. So berichtete in der Vergangenheit die Westdeutsche Zeitung in ihrem Onlineportal unter anderem: „Statt klassischer Polizeiaufgaben übernehmen sie den Part der aufmerksamen Bürger und scheuen sich nicht, bei Bedarf die Polizei zu alarmieren. ‚Gerade Schützen sind in dieser Hinsicht verlässliche Partner´, so Patt.“
Diese bestehende Situation bietet viele Möglichkeiten Kritik zu üben. Allerdings soll es nicht Inhalt dieses Textes sein und lediglich den aktuellen Stand der Dinge festhalten. Vielmehr befasst sich der folgende Text mit der Frage, welche Stellung und Funktion Schützenvereine im Nationalsozialismus einnahmen.
Mit der Begründung, dass viele Schützengesellschaften verboten worden seien, wird versucht, sich vom braunen Terror der Jahre 1933 bis 1945 zu distanzieren bzw. die aktive Teilnahme zu verschleiern. Die Vereine erklären sich in ihrer Geschichtsbetrachtung meist zu Opfern dieser Zeit. Dass jedoch die Schützenvereine – ganz im Gegensatz zu ihrer angeblichen Opferrolle – wie ein Großteil der gesellschaftlichen Kräfte, insbesondere jener bürgerlicher Prägung, vor und während der Machtübertragung an die NSDAP bereitwillig ihren Beitrag zur „Volksgemeinschaft“ leisteten, zeigt der unten stehende Beitrag, welcher den bereits am 17. August 2010 in Neuss durch den Autor zur Thematik gehaltenen Vortrag ergänzt.
Henning Borggräfe: Schützenvereine im Nationalsozialismus – Kurztext zum Inhalt
Die Verstrickung der Schützenvereine in den Nationalsozialismus ist trotz der nach wie vor hohen gesellschaftlichen Relevanz der Schützen (gegenwärtig bundesweit mehr als 1,5 Millionen Personen in mehr als 15.000 Vereinen) und trotz des hohen Stellenwerts der „Tradition“ für die Vereine bisher nahezu unerforscht. In seinem erst 2004 eröffneten Museum zur Schützengeschichte verortet sich der „Deutsche Schützenbund“ als Opfer des Nationalsozialismus. Demgegenüber zeigt diese weitgehend auf bisher nicht genutzten Quellen basierende Studie anhand der Entwicklung der reichsweiten und der westfälischen Verbandsszene und anhand dreier ausgewählter westfälischer Schützenvereine (Lünen, Hattingen, Lippstadt), dass die Schützen sich organisatorisch und in ihrer Praxis in das „Dritte Reich“ integrierten und als Massenbewegung an der Inszenierung von „Volksgemeinschaft“ und „Führermythos“ und an der Kriegsvorbereitung der breiten Bevölkerung durch „Wehrhaftmachung“ tatkräftig und auch eigeninitiativ mitwirkten.
Im Anschluss an eine die jüngere Forschungsdiskussion zur Gesellschaft des Nationalsozialismus rekapitulierende Einleitung bietet die Studie zunächst einen Einblick in die Sozialstruktur, die lokale Position und die Aktivitäten der Schützenvereine und in die politische Situation der Schützen und ihrer Verbände in der Weimarer Republik: Das Vereinsleben der vor Ort sehr wichtigen Schützen erlebte in jenen Jahren einen Höhepunkt, ehe es von der Weltwirtschaftskrise ab 1930 hart getroffen wurde. Dies galt sowohl für jene Vereine, die sich wie der Hattinger Schützenverein in ihrer Praxis auf den Schießsport konzentrierten, als auch für jene, die sich wie der Lippstädter Schützenverein vor allem der Gemeinschaftspflege widmeten, oder für die, die wie der Schützenverein Lünen auf beiden Praxisfeldern aktiv waren. Über verschiedene Praxisschwerpunkte hinweg, waren es der Nationalismus und der Wunsch nach einem starken Führer, die in der Endphase der Weimarer Republik die Schützen weltanschaulich vereinten und die Verlautbarungen der verschiedenen Schützenverbände bestimmten. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und die Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden seitens der Schützen im Frühjahr 1933 einhellig begrüßt.
Den Hauptteil der Studie bilden drei große Kapitel, die sich nacheinander der Entwicklung der Verbände und Vereine, der Praxis der Pflege der „Volksgemeinschaft“ und der Praxis der Kriegsvorbereitung widmen. In der Beschäftigung mit der Verbands- und Vereinsentwicklung kann die Studie aufzeigen, dass die „Gleichschaltung“ zwar eindeutig von der NS-Führung eingeleitet und vorangetrieben wurde, aber nicht einfach gegen die Schützen durchgesetzt wurde, sondern als ein dynamischer Transformationsprozess verstanden werden muss, der erhebliche Elemente der Selbstmobilisierung der Schützen beinhaltete. So griff beispielsweise der Westfälische Schützenbund bereits seit Frühjahr 1933 die „Judenfrage“ auf, und versperrte Juden ohne eine gesetzliche Notwendigkeit den Beitritt und die Übernahme von Vorstandspositionen. Zur Jahreswende 1933/34 schlossen dann viele Vereine ihre jüdischen Mitglieder aus, obwohl auch zu dieser Zeit keine rechtliche Pflicht zu einem Ausschluss bestand.
Unter den Schützen sah man mit dem neuen Regime die Möglichkeit gekommen, die alten Konkurrenzen zwischen jenen, die den Schwerpunkt auf die „Wehrhaftmachung“ legten, und jenen, die ihre Aufgabe in der Gemeinschaftspflege vor Ort sahen, und zudem unter den auf die „Wehrhaftmachung“ ausgerichteten Verbänden selbst, nun jeweils für sich zu entscheiden. So gelang es etwa dem Westfälischen Schützenbund mit Unterstützung der Gestapo auf Kosten der anderen Verbände und Vereine im Zuge der Vereinheitlichung der Schützenstrukturen unter dem Dach des neuen „Deutschen Schützenverbands“ das zu realisieren, was er schon vor 1933 angestrebt hatte, aber allein nicht umsetzen konnte: nämlich alle westfälischen Schützen in einer mächtigen, auf die Praxis der „Wehrhaftmachung“ ausgerichteten Einheitsorganisation zu repräsentieren. Für die Vereine selbst blieb mit Ausnahme der Umstellung auf das „Führerprinzip“ und die Eingliederung in den neuen Verband hingegen strukturell zunächst einmal vieles beim Alten. Auch auf personeller Ebene zeigt die Studie, dass die Vereine und Verbände nicht einfach von den Nazis übernommen wurden, sondern dass die Schützen sich zunehmend selbst mit der NSDAP arrangierten. Die politische Radikalisierung war auch ein Wandlungsprozess der Schützen selbst. In den Strukturen der Schützen trafen die neuen Forderungen des Regimes auf Akteure, die gewillt waren, ihre eigenen Ziele im Rahmen der neuen Anforderungen und Möglichkeiten zu realisieren.
Wie sich die Praxis der Schützen zu den politischen Zielen des NS-Regimes verhielt, untersucht die Studie zunächst anhand der Gemeinschaftspflege, also vor allem anhand des Schützenfestes und interner Vereinsveranstaltungen. Dabei kann aufgezeigt werden, dass die symbolische Herstellung der „Volksgemeinschaft“ und das gemeinsame Bekenntnis zum „Führer“ zentrale Bestandteile eines jeden Schützenfestes in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft bildeten. Dies gilt insbesondere für die traditionalistischen Vereine, die der von den Schießsportlern dominierten Verbandsentwicklung skeptisch gegenüberstanden. Mit der Etablierung des Regimes ab Mitte der 1930er Jahre verloren die Schützenfeste an politischer Bedeutung. Der „Hitler-Mythos“ wurde aber weiter in verschiedenster Form lebendig gehalten. Allerdings erwehrten sich viele Vereine zugleich erfolgreich einer von der Verbandsführung verlangten Anpassung ihrer Vereinskultur an strikte nationalsozialistische Raster, etwa in der sehr umstrittenen Frage der Einführung neuer Einheitsuniformen. Mit Kriegsbeginn rückte dieser schwelende Konflikt in den Hintergrund und im Rahmen ihrer Möglichkeiten hielten die Schützen mit verschiedensten Veranstaltungen den Zusammenhalt an der „Heimatfront“ aufrecht und vermittelten den Vereinskameraden an der Front moralische Unterstützung.
Das dritte Hauptkapitel widmet sich dem Schießen und der Praxis der so genannten „Wehrhaftmachung“. Bereits in der Spätphase der Weimarer Republik verstanden die Schießsportler ihre Praxis als Dienst für das Vaterland, indem sie etwa eigene Jugendabteilungen einrichteten, deren Wehrsportprogramme die im Versailler Vertrag festgeschriebene Limitierung der deutschen Armee unterlaufen sollten. Nach der Machtübernahme machte sich die Hitlerjugend diese Vorarbeiten zu eigen und installierte unter Mitwirkung der Schützen ein flächendeckendes Ausbildungsprogramm zur Wehrertüchtigung der Jugend. Die schießsportlich orientierten Schützen sahen die Kriegsvorbereitung nach 1933 im Aufwind und trieben eigenständig die am Militärgewehr orientierte Vereinheitlichung der Waffen, den Schießstandausbau und die Annäherung der Schießpraxis an den Kriegseinsatz voran. Während die Schützen aber zunächst bei der Umsetzung ihrer selbst gesetzten Programmatik alleine nicht die gewünschten Erfolge erzielen konnten, trat im Januar 1939 mit der SA eine NS-Formation mit dem Ziel an, unter Einbindung der Schützen die Kriegsvorbereitung aller wehrfähigen Männer zu realisieren. Seit Kriegsbeginn organisierte die SA dann gemeinsam mit den Schützen ein Massenausbildungsprogramm, in dem alle Männer vor der Einberufung zur Wehrmacht in dreimonatigen Wehrertüchtigungskursen kriegsfähig gemacht werden sollten. Bis zum Frühjahr 1942 hatten SA und Schützen so über zwei Millionen Männer ausgebildet. Und die Wehrmacht äußerte sich entsprechend anerkennend. Einige Vereine gingen über diese Mitarbeit noch hinaus und riefen in der Lokalpresse die Bevölkerung auf, sich an der kostenlosen Kriegsvorbereitung auf dem Schützenplatz zu beteiligen.
Erst der Kriegsverlauf bremste die Schützenvereine aus. Ab 1941/42 stellten viele Vereine ihre Arbeit ein, einige waren aber nachweislich noch bis Ende 1944 aktiv. Das offizielle Ende ereilte den Deutschen Schützenverband und die Schützenvereine erst nach der deutschen Kapitulation. Infolge des Alliierten Kontrollratsgesetzes Nr. 2 vom 10. Oktober 1945 zur Auflösung der NSDAP und aller ihr angeschlossenen Organisationen wurden sie verboten.





