Antisemitismus und Nationalismus – Nation & Europa September 2006
Zwei Themenkomplexe ziehen sich wie ein brauner Faden durch die Septemberausgabe von «Nation & Europa»: die (völkisch-antisemitische) «Kritik» am israelischen Überfall auf den Libanon und die Hoffnung, an den nationalen Taumel, der viele Menschen in Deutschland anlässlich der Fußball-WM überfiel, politisch anknüpfen zu können. Bereits mit dem Titelbild, das einen von Bundeswehrsoldaten getragenen Sarg zeigt, geschmückt mit einem Stahlhelm und der Bundesfahne, vor einer Landkarte des Nahen Ostens, auf der das derzeitige Territorium Israels orangerot (blutrot war der Druckerei offensichtlich ausgegangen) eingefärbt ist, kündigt sich die Richtung an.
Nicht ungeschickt versuchen die Autoren, ihre Feindschaft gegenüber dem Judentum zu verbergen und stattdessen an die berechtigte Kritik, die auch von jüdischen Menschen an der israelischen Aggressionspolitik geübt wird, anzuknüpfen. Zitiert werden zu diesem Zweck Evelyn Hecht-Galinski und Dr. Rolf Verleger (Vorsitzender der jüdischen Gemeinschaft in Schleswig-Holstein). Aber völlig kann und will WERNER BAUMANN, mit dessen Artikel «Deutschland an Israel gekettet? ,Staatsräson» das Heft beginnt, seine Absichten nicht verbergen: Immer wieder ist vom «jüdischen Staat» (an Stelle von Israel) die Rede. Den Ergebnissen seiner Politik steht das «Wollen des deutschen Volkes» entgegen. Bestätigt muss sich der Autor allerdings von einer Aussage des israelischen Regierungschefs Olmert fühlen, aus dessen Interview mit der Süddeutschen Zeitung er freudig zitiert: «,Wir sind ein sehr seltsames Volk, sagte der israelische Premier… ,Wir kämpfen ohne zu zögern, unerbittlich und mit allen Mittel. Niemand kann uns stoppen. Wir kämpfen hart und konsequent».
Aber Baumann bleibt Antisemit und deshalb ist eines seiner politischen Nahziele die Weißwaschung des Naziregimes: «Auch die innerdeutsche Diskussion über das deutsche Engagement im Libanon ist wenig hilfreich. Die einen sind dafür, die anderen dagegen – aber alle verknüpfen ihre Argumente mehr oder weniger mit ,Auschwitz. Daraus kann keine vernünftige, zukunftsträchtige Politik erwachsen. Die sich nach Frieden sehnenden Menschen im vorderen Orient wollen zu ihrem ganzen Leid nicht auch noch deutsche ,Vergangenheitsbewältigung aufgebürdet bekommen». Die Erinnerung an den Holocaust ist für den Autor eben politisch nicht hilfreich.
Aber es kommt noch schlimmer, und wieder mit Hilfe eines israelischen Kronzeugen: «Der israelische Oppositionsführer und ehemalige Premier Benjamin Ne-tanjahu vertritt Standpunkte, wie man sie schon lange nicht mehr gehört hat. Den zivilen Kriegsopfern des Libanons rief er jetzt ins Grab nach: ,Wenn jemand nicht geht oder weiterhin aus bewohntem Gebiet geschossen wird, haben wir das Recht, dieses Feindesland platt zu machen (Interview des ,Focus, 33/06). Demnach wäre die deutsche Wehrmacht zum Plattmachen vieler Länder und Städte befugt gewesen – weit über jene eng begrenzten Repressalien hinaus, die den Verantwortlichen nach 1945 zum Verhängnis wurden.» Ein israelischer Politiker als (unfreiwilliger) Rechtfertiger des Naziterrors – das ist selbst für N&E-Verhältnisse schon überaus pervers.
Der während der Fußball-WM allenthalben beschriebene Patriotismus ist Thema mehrerer Beiträge. Den Anfang macht MANFRED MÜLLER, der zweifelnd fragt «Ein Nachwort zum Fußball-Patriotismus: Deutsches Erwachen?». Aber seine Zweifel werden schnell zu neuen taktischen Vorschlägen: «Kündeten die WM-Jubelstürme unter Schwarz-Rot-Gold einen neuen Morgen für Deutschland an? Sicher nur dann, wenn es gelingt, den Pop- und Party-Patriotismus zu politisieren. Die deutsche ,Rechte ist dabei besonders gefordert». Konkret: «Wichtiger wäre es aber, in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehsendern ,schwarz-rot-goldene Beiträge unterzubringen – wie einst die Sendefolge ,Dokumente deutschen Daseins… Nach wie vor böte sich ein weites Feld für eine unterhaltsame Wiederbelebung nationalen Bewußtseins». Und all denen unter seinen politischen Freund(inn)en, die am liebsten das republikanische Schwarz-Rot-Gold durch das (historisch reaktionärere) kaiserliche Schwarz-Weiß-Rot ersetzen würden, schreibt Müller ins Stammbuch: «Patriotische Parteien und Gruppierungen hierzulande sollten an die schwarz-rot-goldene Hochstimmung der WM anknüpfen, womit ja keine Mißbilligung von Schwarz-Weiß-Rot verbunden ist, den Traditionsfarben des Bismarck-Reiches. Beide Farbkombinationen symbolisieren deutschen Nationalgeist. Aber politische Werbung in der heutigen Massen- und Mediendemokratie muß von den vorhandenen Grundströmungen und Emotionen ausgehen. Und das ausnutzen, was die Etablierten so fürchten: jene zunächst noch oberflächliche, aber ausbaufähige Hinwendung zur Gemeinschaft, zur Nation. Für übertriebene politische Erwartungen gibt es zwar keinen Anlaß. Aber die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hat gezeigt, daß den Deutschen die Fähigkeit zu nationaler Identifikation und Begeisterung trotz aller Umerziehungsbemühungen nicht gänzlich abhanden gekommen ist. Daraus ließe sich etwas machen».
ähnlich äußert sich Dr. ALFRED MECHTERSHEIMER, Chef der «Deutschland-Bewegung»: «Es ist durchaus möglich, daß diese Weltmeisterschaft langfristig zum Ausgangspunkt einer politischen Veränderung in Deutschland wird. Stets waren es Verschiebungen in der politischen Kultur, die einer neuen Politik vorausgegangen sind. Wer sich im Bewußtsein nationaler Gemeinsamkeit wohlfühlte, sollte leichter erkennen, wie wenig Politik und Wirtschaft in Deutschland heute handeln. Allerdings muß hier die patriotische Aufklärungsarbeit einsetzen, bevor sich der gute Geist verflüchtigt».
Antifaschist(inn)en sind gefordert, die Patrioten aus eigner Gnade bei ihren Versuchen, den «guten Geist» zu halten, auch weiterhin kritisch zu begleiten.
Tri
Quelle: Antifaschistische Nachrichten Nummer 19 / 2006





