Der Geist der braunen Weihnacht

Das zu Ende gehende Jahr 2004 war in der Bundesrepublik geprägt von sozialem Protest. Die großen Demonstrationen gegen Sozialraub und die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben im April und die Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV, dazu der Streik im Bochumer Opelwerk waren die größten Aktionen sozialer Bewegung seit vielen Jahren. Sozialer Protest ist eine Bewegung, die von ihrem Ansatz her eher links als rechts einzuordnen ist. Trotzdem versuchten (und versuchen) Faschisten aller Schattierungen, die Stimmung der Unzufriedenheit in breiten Schichten der Bevölkerung für ihre Zwecke zu instrumentalisieren und sind dabei teilweise leider auch relativ erfolgreich.
Auch die Redaktion von «Nation & Europa», sozialen Fragen sonst eher abgeneigt, versucht in ihrer November/Dezember-Doppelausgabe auf den Zug aufzuspringen. Unter einem Foto von einer Opel-Protestaktion (Transparentaufschrift: «Wir kämpfen um JEDEN Arbeitsplatz» – Hervorhebung im Original, tri) behauptet sie: «Ohne nationale Politik keine soziale Sicherheit».
Wer allerdings erwartet, im Heftinneren Näheres zum Thema zu erfahren, wird enttäuscht: Lediglich Harald Neubauer geht in seinem Editorial darauf ein, hat aber außer den üblichen argumentativen Versatzstücken wenig anzubieten: «Die nationalstaatlich gegliederte Welt gab jedem Volk die Chance, sich nach eigenen Maßstäben zu organsieren und trotzdem mit anderen zu handeln. Grundvoraussetzung für dieses Erfolgsmodell sind Politiker, die zwischen Einheimischen und Ausländern zu unterscheiden wissen, Politiker, die nationale Präferenzen kennen».
Soweit also nichts Neues. Der Widerspruch seiner Behauptungen zum Inhalt des Titelbildes, auf dem es um JEDEN Arbeitsplatz geht und nicht nach der Nationalität der Kolleg(inn)en gefragt wird, soll nicht ins Bewusstsein dringen. Im Gegenteil, eine soziale Bewegung, die weiß, dass der Riss nicht zwischen Nationen sondern zwischen unten und oben verläuft ist für die Rechte der Hauptfeind:
«Nun stehen Arbeiter und Angestellte protestierend vor den abrissbedrohten Fabriken, streiken womöglich ihre letzten Chancen zu Tode. Sie suchen nach Schuldigen. Und irren dabei orientierungslos durch das Dickicht politischer Phrasen und Ausreden. Als Fährtensucher dienen sich notorische Irrläufer an: Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre, die immer nur eines wollten: den Nationalstaat überwinden. Erst sangen sie die Internationale, dann – logischerweise – das Hohelied der Globalisierung. Heute schmettern sie die Unschuldsarie ,Haltet den Dieb!».
Die aktuelle Frage, wie den Ultrarechten die Anbiederung an die soziale Protestbewegung vergällt werden kann, ist damit schon so gut wie beantwortet: Solange die Handelnden immer wieder deutlich machen, dass es um gemeinsame soziale Interessen der arbeitenden und arbeitslos gemachten Menschen, völlig unabhängig von der Frage der Nationalität geht, sich der nationalen Standortlogik nicht unterwerfen, werden Faschisten keine Chance haben.
Ansonsten herrscht zum Jahresende im Heft gähnende Langeweile. Die Re-daktion scheint ihren Leser(innen) die besinnliche Weihnachtsstimmung nicht durch übermäßig große Anforderungen an das Denkvermögen vermiesen zu wollen. Michael Brückner liefert ihnen zum Ersten ein wenig antisemitischen Geschichtsrevisionismus: «Alljährlich wird der ,Reichskristallnacht gedacht. Gemeint ist der 9. November 1938. Damals demolierten aufgebrachte Deutsche jüdische Einrichtungen und zündeten Synagogen an. Es gab 91 Tote. Anlaß der Ausschreitungen war die Ermordung des deutschen Diplomaten Ernst vom Rath durch einen jüdischen Attentäter in Paris. Sogar führende Nationalsozialisten hielten die ,Racheaktion für falsch und dem deutschen Ansehen für abträglich».
So war das also: Ein Jude ermordet einen Deutschen, woraufhin die aufgebrachte Bevölkerung sich rächt, obwohl führende Nazis das für falsch halten.
Stephan Steuben weiß ebenfalls, was in der Weihnachtszeit gut für die deutschnationale Psyche ist und widmet sich der Ardennenoffensive im Dezember 1944: «Das Gesetz des Handelns glaubten die Alliierten für den Rest des Krieges auf ihrer Seite. Da elektrisierte im Dezember 1944 eine Sensationsnachricht die Welt: Die Deutschen griffen wieder an. An der Westfront des hartbedrängten Reiches rollte eine große Offensive, traf ausgerechnet die Amerikaner, die mehr noch als die Briten den Krieg schon für gewonnen hielten, ein heftiger Stoß. In den Ardennen wurden ihre Stellungen auf breiter Front durchbrochen – in jenen Ardennen, aus denen schon im Siegesjahr 1940 deutsche Panzer hervorgebrochen und nach Frankreich hineingestoßen waren».
Solch Landserkitschprosa streichelt die Naziseele.
Ganz und gar weihnachtlich wird es dann bei Manfred Müller, der sich dem «Fest im Wandel der Zeit: Von der Volksweihnacht zur Konsumweihnacht» widmet: «Im Berliner Wedding saßen entlassene KZ-Häftlinge, altgediente Kommunisten und Sozialdemokraten gemeinsam mit Nationalsozialisten und anderen Volksgenossen an langen Tischen, sangen wie aus einer Kehle die alten deutschen Weihnachtslieder und wurden beschert. Natürlich war es eine Propagandaaktion, aber ihre Signalwirkung sollte nicht spalten, sondern versöhnen». So schön war das 1934.
Und zum Schluss werden auch noch die verschiedenen Fraktionen der N&E-Leser(innen) im weihnachtlichen Geist miteinander versöhnt: «Wer also Weih-nachten unter Rückgriff auf die germanische Mythologie feiert, wendet sich ebenso wie ein bewußter Christ oder wie ein Anhänger schlichter Naturfrömmigkeit gegen die Sinnentleerung des Festes. Das verbindet über die Unterschiede hinweg». Und so wird schlussendlich alles gut.
Das Projekt des Flüchtlingsrates Thüringen e.V. hat mehr als zwei Jahre lang Betroffene von rechtsextremen und rassistischen Angriffen und Diskriminierungen beraten und unterstützt. Es hat sich fachliche Bestätigung und breite Anerkennung in Thüringen erworben. Bis zuletzt hatten sich Vereine und Initiativen sowie PolitikerInnen, darunter die Grünen-Bundesvorsitzende Angelika Beer, für eine Weiterförderung von ABAD durch das Bundesprogramm Civitas eingesetzt.

Quelle: Antifaschistische Nachrichten Nummer 25-26/2004




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