Archiv der Kategorie 'Hintergrund'

INPUT – antifaschistischer Themenabend im Januar

“Kein 10. Opfer!”? “Nationalsozialistischer Untergrund”, Rechtsterror und die Rolle des Staates

Datum: 16.01.2012
Beginn: 20:00 Uhr
Ort: Kulturzentrum ZAKK, Fichtenstr. 40, Düsseldorf

Die politischen Ziele der Neonazis sind in ihrem Kern immer verbunden mit Gewalt, Terror und Vernichtung. Dem Terror des historischen NS kam die Aufgabe zu, politische und „rassische“ GegnerInnen auszuschalten oder zu vernichten. Ähnlich agiert der neonazistische „Nationale Widerstand“ heute, wenn er sich Platz auf der Straße oder in den Kommunen verschaffen will: Er nimmt die „Volksfeinde ins Visier“ und droht ihnen mit dem Tod. Oder ermordet sie sogar.
Bei der Suche nach einer Antwort darauf, warum die Neonazigruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) den Weg in den bewaffneten Untergrund genommen hat, muss sich mit ihrem Ausgangsort beschäftigt sowie das politische Milieu und damit ihr geistiger und aktionistischer Erfahrungsraum in den 1990er Jahren beschrieben werden. Dass die staatlichen Behörden die Existenz dieser terroristischen Gruppierung jahrelang nicht aufgedeckt haben, liegt schließlich auch in der unzureichenden behördlichen Analyse dessen, was eine neonationalsozialistische Bewegung und ihr gewalttätiges Potenzial ausmacht.
Der Vortrag wird sowohl den historischen als auch den aktuellen politischen Kontext des „Rechtsterrorismus“ beleuchten und die inhaltlichen Entwicklungslinien aufzeigen. Es soll versucht werden, auf einige der vielen offenen Fragen rund um den Komplex „NSU“ Antworten zu geben, obwohl sehr viele der öffentlich bekannten Erkenntnisse widersprüchlich sind und immer noch mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten. Die ReferentInnen sind MitarbeiterInnen des apabiz und haben diesen Vortrag in Kooperation mit anderen antifaschistischen Projekten erarbeitet.

Veranstalter: Antifa-Arbeitskreis an der FH Düsseldorf, Antirassistisches Bildungsforum Rheinland und AG INPUT
In Kooperation mit dem Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus und Neonazismus der FH Düsseldorf, dem zakk, dem Buchladen BiBaBuZe und der Antifaschistischen Linken Düsseldorf

Autobahn-Castoren sollen 2012 von Jülich nach Ahaus rollen

„Ab Anfang 2012 sollen 152 Castor-Behälter von Jülich nach Ahaus transportiert werden. Die Überführung findet per LKW statt, nötig weil die Zwischenlagergenehmigung in Jülich ausläuft. Mindestens 25 Mal muss die Strecke zurückgelegt werden, mit Beginn im Januar 2012 also rechnerisch alle 3 Wochen ein Transport. Atomkraftgegner sind empört, denn mit Entsorgung hat dieser Atommüll-Tourismus nichts zu tun…“
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Ein geschlossener Knast ändert nichts am rassistischen und sexistischen Normalzustand!

Seit gestern ist der Neusser Abschiebeknast, die bundesweit einzige reine Frauenabschiebehaftanstalt, Geschichte. Antirassistische AktivistInnen nutzten den Termin der Schließung, um in der Innenstadt von Neuss durch Verteilung eines Flugblatts für die Teilnahme der am 3. Dezember 2011 trotzdem dort stattfindenden Demonstration gegen staatliche Migrationskontrolle zu werben. Denn dadurch, dass von Abschiebung bedrohte Frauen nun in Büren statt in Neuss eingesperrt werden, hat sich der rassistische und sexistische Normalzustand, gegen den diese traditionelle Kundgebung sich seit Jahren richtet, keinen Deut gebessert. Oder um es mit dem Leitspruch der diesjährigen Demo auszudrücken:

„Der Knast geht, das System bleibt!“

Zu Dokumentationszwecken hier der Inhalt des verteilten Flugblatts:

Ab heute ist der Frauen-Abschiebeknast auf der Grünstraße geschlossen. 18 Jahre lang war hier die letzte Station für tausende von Frauen, bevor sie gegen ihren Willen abgeschoben wurden. 18 Jahre lang gab es Proteste gegen den Knast und die europäische Asylpolitik, deren Ziel es nie war und ist, Menschen in Not Hilfe und ein Leben in Würde und Sicherheit zu gewähren, sondern sie zu illegalisieren, auszubeuten und abzuschieben.

Erfolgreich waren diese Proteste allerdings nicht, denn der Knast wird nicht geschlossen, weil sich irgendetwas im Umgang mit den Migrantinnen verbessert hätte. Im Gegenteil: Die Türen des Knastes auf der Neusser Grünstraße bleiben ab heute zu, weil die Abschottung Europas so erfolgreich ist, dass es kaum noch jemandem gelingt, die Grenzen zu überwinden und Asyl zu beantragen.

Die Stille, die ab heute in dem großen Knastgebäude herrscht, ist deshalb nichts anderes als die Totenstille über den Gräbern der mehr als 10 000 Menschen, die in den vergangenen zwanzig Jahren gestorben sind beim Versuch, Europa zu erreichen. Sie ist die Stille über den Gräbern ebenso all jener Menschen, die sich vor oder nach ihrer Abschiebung aus Verzweiflung getötet haben. Sie ist auch das Schweigen in den Kehlen all jener, die es allen Widrigkeiten zum Trotz nach Europa geschafft haben, um den Preis, hier ein Schattendasein als Illegale zu führen.

Für alle bedeutet dies ein Leben ohne Rechte, ohne Zugang zu Gesundheit, Sicherheit und Bildung. Für betroffene Frauen bedeutet es zudem ein Leben als billige und gefügige Arbeitskräfte in Bordellen, in der Kinderbetreuung, als Putzhilfe oder in der Pflege. Frei verfügbar, rechtlos und extrem billig stehen sie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung und sind wehr- und schutzlos der Willkür ihrer ArbeitgeberInnen ausgeliefert.

Dies ist keineswegs zufällige Folge, sondern profitabler Nebeneffekt der restriktiven europäischen Politik gegen schutzbedürftige Frauen. Das zeigt der Umstand, dass bei der Verfolgung in erster Linie die entrechteten MigrantInnen im Fokus der Behörden stehen und keineswegs die Netzwerke von Schleppern, Zuhältern und anderen ProfiteurInnen der Illegalisierung.

Weitgehend risikolos lässt sich so Gewinn erzielen aus der rechtlosen Lage von Frauen, die sich aus vielerlei Gründen für die Flucht nach Europa entschieden haben: Genitalverstümmelung, Zwangsprostitution oder Zwangsverheiratung gehören zu den zentralen Motiven der Frauen, denen in ihren Herkunftsländern oft jeglicher Zugang zu Bildung, ja zu jedweder Form selbstbestimmten Lebens verwehrt bleibt. Als Angehörige ethnisch oder religiös verfolgter Minderheiten, als Lesben oder politische AktivistInnen verfolgt, sind sie geflohen, oder vor Kriegen, nicht selten auch vor den Folgen der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Zerstörungen, die internationale Konzerne beim systematischen Ressourcenraub in aller Welt hinterlassen.

Auch wenn der Abschiebeknast heute schließt, soll und wird sich an der Situation der illegalisierten Frauen nichts ändern nach dem Willen derer, die die Verantwortung tragen für die europäische Abschottungs- und Anti-Asylpolitik. Nach wie vor soll Europa „geschützt“ werden vor dem Ansturm jener, die sich in der großen Hoffnung auf ein menschenwürdiges Überleben auf den Weg machen.

Anders als bei Aktionen gegen Nazis, zu denen sich Menschen verschiedenster politischer Richtungen zusammenfinden, etwa bei der Blockade von Nazi-Demonstrationen oder dem Protest gegen Veranstaltungen von NPD, Autonomen Nationalisten oder Rechtspopulisten, finden sich Menschen, die aktiv Abschiebungen verhindern wollen, die so genannte „Illegale“ unterstützen oder einfach nur gegen Abschiebung demonstrieren, oftmals allein auf weiter Flur.

Das konservative bis linksliberal gemeinsam gegen Nazis demonstrieren und im gleichen Zug die tagtägliche Abschiebepraxis ignorieren, hinnehmen oder legitimieren, scheint nicht verwunderlich. Beides, „gegen Nazis sein“ und die Asylpolitik gerechtfertigt heißen, dient dem Schutz der bürgerlichen Rechte. Dient der Sicherstellung des eigenen, „freiheitlichen“ Nationalgefühls. Dient dem Erhalt der bürgerlichen Gesellschaft.
Doch Staat, Nation und Kapitalismus, auf diesen Säulen unsere Gesellschaft fußt, reproduzieren sowohl den Wunsch nach einer „neuen Volksgemeinschaft“ als auch die Idee Menschen nach ihrer Verwertbarkeit auszusortieren.
Ohne die Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft werden auch Nazis weiterhin ihre stumpfsinnigen Ideen in die Welt hinaus tragen genauso wie Menschen abgeschoben werden.

Auch wenn der Neusser Abschiebeknast heute nach 18 Jahren geschlossen wird, nimmt die tagtägliche rassistische Abschiebepraxis, für die die Menschen, die diese Gesellschaft legitimieren, in tiefster Verantwortung stehen, ihren Lauf. Genau deshalb werden wir in Neuss auch weiterhin gegen staatlichen Rassismus, Kapitalismus und bürgerliche Ignoranz demonstrieren.

Komm zur Demo am 03.12.2011!
16:00 Uhr/Marienkirchplatz, Neuss (nahe Hbf)

Aktionsbündnis globale Bewegungsfreiheit/Neuss

Mord an einem Neusser Obdachlosen erweist sich als rassistisch motiviert

Ende März 2011 wurde das Neusser TÜV-Gelände Schauplatz eines brutalen Mordes: Zwei Männer im Alter von 18 und 38 Jahren prügelten einen schlafenden Obdachlosen zu Tode. Als Tatmotiv gab die Staatsanwaltschaft Habgier an. So habe das 59-jährige Opfer „als Flaschensammler immer erhebliche Mengen Bargeld verdient“, was nicht recht zum Umfang der Beute passen wollte, die laut derselben Stellungnahme aus ein „bisschen Kleingeld und eine(r) Baseballmütze“ bestand. Zum Prozessauftakt gegen die beiden Tatbeteiligten stellte sich nun heraus, dass der Mord wohl nicht zuletzt rassistisch motiviert war. Offenbar störte sich insbesondere Dennis E., der jüngere der beiden Schläger, an der vietnamesischen Herkunft des Obdachlosen. Vor Gericht bekannte er sich zu Kontakten in die Neonazi- und Hooligan-Szene, berichtete von zwei Hakenkreuz-Tätowierungen auf seiner Brust und sprach von MigrantInnen als „Kanacken“. Nähere Angaben zu den Tathintergründen kündigten E. und sein Komplize für den nächsten Prozesstag am 17. November 2011 in Düsseldorf an.

NGZ-Artikel vom 27. März 2011 zum Mord

NGZ-Artikel vom 7. November 2011 zum Prozessauftakt

ERGÄNZUNG:

2. Prozesstag nach Mord an Obdachlosem

Presseschau: Neonazi gesteht Mord an Obdachlosem

Polizei fliegt bei Malcoci in Grevenbroich ein

Wir dokumentieren an dieser Stelle einen Artikel des Internetportals „NRW rechtsaußen“ vom 21. September 2011:

BO/NE: HNG verboten – Zwei Durchsuchungen in NRW

BOCHUM/GREVENBROICH – Das Bundesinnenministerium hat heute die neonazistische „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e. V.“ (HNG) verboten. Zu Hausdurchsuchungen waren Polizeibeamte am Morgen auch bei der Vorsitzenden der HNG, der Bochumerin Daniela Wegener, sowie bei ihrem Stellvertreter Christian Malcoci in Grevenbroich angerückt.

In Nordrhein-Westfalen, Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz liefen Durchsuchungs- und Beschlagnahmemaßnahmen gegen führende Mitglieder der HNG, teilte das Bundesinnenministerium mit. Betroffen waren insgesamt sechs Objekte.

Wegener, die zuvor als stellvertretende Vorsitzende fungierte, war Anfang Juli an die Spitze der Organisation gewählt worden.* Sie löste Ursula Müller aus Mainz ab, die seit 1991 die HNG geführt hatte. Als stellvertretender Vorsitzender amtierte Christian Malcoci. In dieser Funktion hatte er Ende Juli mitgeteilt, dass die HNG das Bundesinnenministerium vor dem Verwaltungsgericht Berlin verklagt habe. Mit der Klage werde gefordert, das gegen die HNG eingeleitete Verbotsverfahren einzustellen.**

Bereits im vorigen Herbst war eine breit angelegte Durchsuchungsaktion gegen den bundesweit größten Neonazi-Verein gestartet worden. Auch damals schon wurde Wegeners Wohnung durchsucht.*** Außerdem war die Polizei seinerzeit unter anderem im Raum Düsseldorf und in Pulheim unterwegs.**** Die Neue Westfälische berichtete zudem, dass auch in Bielefeld eine Razzia stattgefunden habe.*****

„Kampf gegen das System“

Die nach jener Aktion ausgewerteten Funde verdeutlichten, „dass sich die HNG dem aktiven Kampf gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung verschrieben hat“, heißt es in einer Pressemitteilung des Innenministeriums. Unter dem Motto „Drinnen wie draußen eine Front“ bestärke die HNG unter dem Deckmantel einer vermeintlich karitativen Betreuung von Strafgefangenen inhaftierte Rechtsextremisten in ihrer nationalistischen Überzeugung und motiviere sie, in ihrem „Kampf gegen das System“ fortzufahren. Demnach sei es gerade nicht ihr Ziel, straffällig gewordene Rechtsextremisten zu resozialisieren, sondern im kriminellen rechtsextremistischen Spektrum dauerhaft zu verankern. Die HNG habe zur Radikalisierung der Neonaziszene beigetragen. (ts)

* http://www.bnr.de/artikel/aktuelle-meldungen/wechsel-an-der-hng-spitze
** http://nrwrex.wordpress.com/2011/07/21/brd-neonazi-vom-niederrhein-neuer-hng-vize/
*** http://nrwrex.wordpress.com/2010/09/07/bo-hng-durchsuchung-bei-wegener/
**** http://nrwrex.wordpress.com/2010/09/10/dbm-hng-durchsuchungen-auch-in-dusseldorf-und-pulheim/
***** http://www.nw-news.de/owl/3739033_Neonazi-Razzia_in_Bielefeld.html

• Ein weiterer Bericht zum Thema beim „blick nach rechts“:

http://www.bnr.de/artikel/aktuelle-meldungen/braune-knasthilfeorganisation-verboten

Redebeitrag zur Gedenkfeier am 1. Mai 2011

Liebe Antifaschistinnen, liebe Antifaschisten!

Hier, an den Gräbern von Hermann Düllgen und August Höhfeld, gedenken wir der Opfer der Nazi-Diktatur und aller Menschen, die dem deutschen Faschismus in welcher Form auch immer Widerstand entgegensetzten. Es mag ein Ritual sein, hier jedes Jahr am 1. Mai zusammenzukommen, manchen von uns ist die Teilnahme an der Veranstaltung sicher ein tiefes inneres Anliegen, andere werden vielleicht durch aktuelle Anlässe motiviert.
Für uns alle gilt jedoch: Wenn wir genau jetzt einen Moment schweigend umherblicken und lauschen, sind wir uns womöglich gar nicht bewusst, was es wirklich bedeutet, inmitten von Bäumen Vogelgeräusche zu hören.
Folgende Beschreibung der Zustände im von 1941 bis 1945 bestehenden Sammel- und Durchgangslager Theresienstadt unterstreichen den Wert solcher Augenblicke:

„Hier flogen keine Schmetterlinge, hier wuchsen keine Bäume und blühten keine Blumen. Aber Kinder mussten hier leben. Kinder und junge Leute – Gefangene wie alle andern. (…)“

Das Zitat stammt von Irma Lauscherová, die in Theresienstadt heimlich und unter Lebensgefahr als Erzieherin und Lehrerin jüdischen Kindern und Jugendlichen gewissermaßen im Vorhof der Hölle Zuwendung und Hoffnung schenkte. Ihre Worte halten die Erinnerung an die jüngsten und wehrlosesten Opfer des braunen Terrorregimes wach. Etwa 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche fielen der Vernichtungsmaschinerie des deutschen Faschismus zum Opfer. Einige davon lebten in Neuss. An drei Schicksale jüdischer Kinder sei kurz erinnert:

Erwin Heinrich Bocks erblickte am 11. Juni 1930 in Neuwerk das Licht der Welt. Als Sechsjähriger kam er ins Neusser Kinderheim St. Anna. Von dort wurde er im Juni 1941 nach Mönchengladbach abgemeldet, wo sich seine Spur verliert.

Ruth Johanna Hirsch kam am 9. September 1937 in Neuss auf die Welt. Ihr Vater reiste kurz vor Kriegsausbruch nach England, von wo er nach Australien emigrierte. Ruth und ihre Mutter Marianne blieben in Neuss. Am 11. Dezember 1941 wurden sie nach Riga verschleppt und ermordet.

Günther Milchtajch wurde am 20. Oktober 1929 in Neuss geboren, wo seine Eltern Hirsch und Selma ein Pelzgeschäft mit Kürschnerei betrieben. Nach der totalen Verwüstung des Ladens in der Reichspogromnacht floh die Familie nach Brüssel. Mit der Besetzung Belgiens durch deutsche Truppen holte sie jedoch der Nazi-Terror ein. Günther wurde gemeinsam mit seinen Eltern deportiert und in Auschwitz ermordet. Sein Todesdatum ist nicht bekannt.

Mehr als 65 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz herrscht allgemeine Einigkeit darüber, dass sich ein Menschheitsverbrechen wie die Shoah nicht wieder ereignen dürfe.
Können wir AntifaschistInnen uns also erleichtert zurücklehnen? Kaum, wenn wir den von der Anarchistin und Friedensaktivistin Emma Goldman geprägten Satz „Das gewalttätigste Element der Gesellschaft ist die Ignoranz“ zum Maßstab nehmen. Ein Beispiel für diese gesellschaftliche Ignoranz lässt sich auch in Neuss finden.

Seit 1993 wird in der hiesigen Innenstadt das bundesweit einzige ausschließlich mit Frauen belegte Abschiebegefängnis der Bundesrepublik unterhalten. Lange Zeit ließ dieses Symbol eines menschenverachtenden, rassistischen Systems EU-weiter Migrationskontrolle den Großteil der Bevölkerung ebenso wie die örtlichen Medien und Honoratioren kalt. Ganz anders, als Ende 2010 das Gerücht zu kursieren begann, die Haftanstalt sei als Standort einer therapeutischen Einrichtung für Gewalt- und Sexualstraftäter im Gespräch. Augenblicklich ging die Anwohnerschaft auf die Barrikaden, die Junge Union sammelte flugs Unterschriften gegen das Vorhaben, die Lokalpresse titelte: „Therapie-Klinik: Neuss entsetzt“ und selbst Stadtoberhaupt Napp schien plötzlich zum „Wutbürger“ zu mutieren. Kaum wurde Entwarnung gegeben, herrschte wieder die gewohnte Beschaulichkeit auf der Neusser Grünstraße, die Inhaftierung und Abschiebung vor Unterdrückung und Ausbeutung politischer, sexueller, wirtschaftlicher und religiöser Natur geflohener Frauen kann weiterhin in Ruhe und Ordnung vonstattengehen.

Weitere lokale Beispiele für Ignoranz als einem gewalttätigen Element der bundesdeutschen Gesellschaft liefert die Art der historischen Auseinandersetzung mit der Zeit zwischen 1933 und 1945. So sei etwa auf den promovierten Juristen Adolf Flecken verwiesen, der während des Zweiten Weltkrieges in seiner Eigenschaft als „Geschäftsführer der Verwaltungsstelle Neuss der Zweigstelle Düsseldorf der Industrieabteilung der Wirtschaftskammer Düsseldorf“ als Bindeglied zwischen der Neusser Wirtschaft und dem lokalen Apparat der Nazis fungierte. Insbesondere war Flecken für die Unterbringung und den Einsatz von knapp 10.000 ausländischen ZwangsarbeiterInnen verantwortlich, die in Neuss bis an die Grenzen ihrer physischen Belastbarkeit und allzu oft darüber hinaus ausgebeutet wurden. Für diese Taten wurde Flecken niemals zur Rechenschaft gezogen. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 als ehemaliges Mitglied der katholisch geprägten Zentrumspartei kurzzeitig inhaftiert, galt Flecken vielmehr als politisch unbelastet und saß dem Neusser Entnazifizierungsausschuss, der ihn hätte belangen können, selbst vor. So stand einer glänzenden Nachkriegskarriere Fleckens, der als CDU-Politiker zunächst zum Innen-, dann zum Finanzminister des Landes NRW avancierte, nichts mehr im Wege. Während einem Zwangsarbeits-Organisator wie Adolf Flecken die Ehre einer Straßenbenennung in exponierter Lage zuteilwurde, wartet eine Reihe antifaschistischer WiderstandskämpferInnen bis heute auf ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Anerkennung.
Bezeichnend für die diesbezügliche Erinnerungskultur nicht nur im Kreis Neuss ist der Fall des 1879 in Stessen geborenen Kunstschlossers Heinrich Schlösser. Schlösser engagierte sich ab 1898 für die SPD, bevor er 1920 zur kommunistischen KPD wechselte. Einige Jahre lang vertrat Schlösser die KPD im Gemeinderat Bedburdyck und im Kreistag Grevenbroich. Mitte der 1920er Jahre zog er sich aus der Politik zurück. Weiterhin zeichnete ihn aber Zivilcourage aus, wie sich 1943 zeigen sollte. So schritt Schlösser ein, als ein Bauer und ein Unteroffizier einen französischen Kriegsgefangenen malträtierten. Hierfür wurde er wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und im November 1943 hingerichtet.
Im Frühjahr 2009 setzte sich die Jüchener SPD dafür ein, ein bislang namenloses Wäldchen in Schlössers Geburtsort nach ihm zu benennen. Die örtliche CDU schmetterte den Vorschlag mit der Begründung ab, Schlösser sei als Kommunist „Gegner der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ gewesen. Außerdem verwies sie ohne Angaben von Quellen auf Gerüchte, wonach Schlösser zu sehr dem Alkohol zugesprochen habe.

Wir wehren uns gegen diesen Rufmord an Heinrich Schlösser und treten dafür ein, seiner angemessen zu gedenken. Eine Neusser Straße in zentraler Lage, die nach einem Koordinator nationalsozialistischer Zwangsarbeit benannt ist, scheint uns für eine solche Ehrung wie geschaffen.

Exemplarisch für die mehr als fragwürdige Auseinandersetzung mit der Neusser Geschichte während der Nazi-Herrschaft ist auch die Abstimmung des Kulturausschusses 2009 zur „Düllgenstraße“ in Grimlinghausen. Zwar war sich der Ausschuss – bis auf eine Enthaltung – einig, dass eine Straße nach Hermann Düllgen benannt werden soll. Ein Hinweis auf dem Erläuterungsschild, dass er in Frankfurt hingerichtet wurde, war allerdings mehrheitlich unerwünscht.

Dass Menschen, die sich den damaligen Verhältnissen widersetzten, verschleppt und ermordet wurden, wird in diesem Beispiel bewusst ausgeblendet. Stattdessen wird sich in gesellschaftlichen Debatten darüber beklagt, dass die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges zu wenig Berücksichtigung in der Geschichtsaufarbeitung fänden. Hier liegt die Vermutung nahe, dass die Katastrophe jener Zeit durch die Vermischung von TäterInnen und Opfern relativiert werden soll. Ein vernünftiger Begriff von Geschichte sieht anders aus!

Setzen wir uns auf eine vernünftige Art und Weise mit der Geschichte auseinander, stellen wir fest, dass auch in der Gegenwart die Vergangenheit immer noch Früchte trägt.
Organisationen wie die NPD Neuss oder die so genannten Autonomen Nationalisten Neuss – die erst kürzlich die Schändung eines jüdischen Denkmals in Meerbusch hämisch bejubelten – sind nur die Spitze des Eisberges.

Anstatt unter die Oberfläche zu schauen, gefällt sich der größte Teil der Gesellschaft in der Rolle der „bürgerlichen Mitte“, die die Fahne der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ in den Wind hält.
Mit natürlich „streng wissenschaftlichen“ Extremismustheorien werden Menschen, die versuchen, bestehende Verhältnisse emanzipatorisch in Frage zu stellen und sie als Schleier eines Herrschafts- und Ausbeutungssystems zu entlarven, in eine Schublade mit Organisationen gesteckt, die den Standpunkt vertreten, diese Verhältnisse seien nur unter Berufung auf einen rassistischen Nationalismus zu überwinden.

Hermann Düllgen und August Höhfeld waren Menschen, die mit den Verhältnissen, in denen sie lebten, nicht einverstanden waren. Im Kampf gegen diese ließen sie ihr Leben.
Aus diesem Grund gedenken wir ihrer an diesem Tag. Gedenken heißt auch immer sich zu erinnern. Nutzen wir diese Erinnerung. Walter Benjamin schrieb: „Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen >wie es eigentlich gewesen ist< . Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“
Erinnern wir uns an die antifaschistischen WiderstandskämpferInnen. Erinnern wir uns an Menschen, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben, anstatt es in den Hände der Herrschenden zu belassen. Erinnern wir uns daran, dass mit dem Untergang des deutschen Faschismus nicht die diesem zu Grunde liegende Ideologie verschwand und schon gar nicht die lange Geschichte von Herrschaft und Unterdrückung beendet wurde.

Erinnern wir uns und kämpfen wir weiter!




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