Liebe Antifaschistinnen, liebe Antifaschisten!
Hier, an den Gräbern von Hermann Düllgen und August Höhfeld, gedenken wir der Opfer der Nazi-Diktatur und aller Menschen, die dem deutschen Faschismus in welcher Form auch immer Widerstand entgegensetzten. Es mag ein Ritual sein, hier jedes Jahr am 1. Mai zusammenzukommen, manchen von uns ist die Teilnahme an der Veranstaltung sicher ein tiefes inneres Anliegen, andere werden vielleicht durch aktuelle Anlässe motiviert.
Für uns alle gilt jedoch: Wenn wir genau jetzt einen Moment schweigend umherblicken und lauschen, sind wir uns womöglich gar nicht bewusst, was es wirklich bedeutet, inmitten von Bäumen Vogelgeräusche zu hören.
Folgende Beschreibung der Zustände im von 1941 bis 1945 bestehenden Sammel- und Durchgangslager Theresienstadt unterstreichen den Wert solcher Augenblicke:
„Hier flogen keine Schmetterlinge, hier wuchsen keine Bäume und blühten keine Blumen. Aber Kinder mussten hier leben. Kinder und junge Leute – Gefangene wie alle andern. (…)“
Das Zitat stammt von Irma Lauscherová, die in Theresienstadt heimlich und unter Lebensgefahr als Erzieherin und Lehrerin jüdischen Kindern und Jugendlichen gewissermaßen im Vorhof der Hölle Zuwendung und Hoffnung schenkte. Ihre Worte halten die Erinnerung an die jüngsten und wehrlosesten Opfer des braunen Terrorregimes wach. Etwa 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche fielen der Vernichtungsmaschinerie des deutschen Faschismus zum Opfer. Einige davon lebten in Neuss. An drei Schicksale jüdischer Kinder sei kurz erinnert:
Erwin Heinrich Bocks erblickte am 11. Juni 1930 in Neuwerk das Licht der Welt. Als Sechsjähriger kam er ins Neusser Kinderheim St. Anna. Von dort wurde er im Juni 1941 nach Mönchengladbach abgemeldet, wo sich seine Spur verliert.
Ruth Johanna Hirsch kam am 9. September 1937 in Neuss auf die Welt. Ihr Vater reiste kurz vor Kriegsausbruch nach England, von wo er nach Australien emigrierte. Ruth und ihre Mutter Marianne blieben in Neuss. Am 11. Dezember 1941 wurden sie nach Riga verschleppt und ermordet.
Günther Milchtajch wurde am 20. Oktober 1929 in Neuss geboren, wo seine Eltern Hirsch und Selma ein Pelzgeschäft mit Kürschnerei betrieben. Nach der totalen Verwüstung des Ladens in der Reichspogromnacht floh die Familie nach Brüssel. Mit der Besetzung Belgiens durch deutsche Truppen holte sie jedoch der Nazi-Terror ein. Günther wurde gemeinsam mit seinen Eltern deportiert und in Auschwitz ermordet. Sein Todesdatum ist nicht bekannt.
Mehr als 65 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz herrscht allgemeine Einigkeit darüber, dass sich ein Menschheitsverbrechen wie die Shoah nicht wieder ereignen dürfe.
Können wir AntifaschistInnen uns also erleichtert zurücklehnen? Kaum, wenn wir den von der Anarchistin und Friedensaktivistin Emma Goldman geprägten Satz „Das gewalttätigste Element der Gesellschaft ist die Ignoranz“ zum Maßstab nehmen. Ein Beispiel für diese gesellschaftliche Ignoranz lässt sich auch in Neuss finden.
Seit 1993 wird in der hiesigen Innenstadt das bundesweit einzige ausschließlich mit Frauen belegte Abschiebegefängnis der Bundesrepublik unterhalten. Lange Zeit ließ dieses Symbol eines menschenverachtenden, rassistischen Systems EU-weiter Migrationskontrolle den Großteil der Bevölkerung ebenso wie die örtlichen Medien und Honoratioren kalt. Ganz anders, als Ende 2010 das Gerücht zu kursieren begann, die Haftanstalt sei als Standort einer therapeutischen Einrichtung für Gewalt- und Sexualstraftäter im Gespräch. Augenblicklich ging die Anwohnerschaft auf die Barrikaden, die Junge Union sammelte flugs Unterschriften gegen das Vorhaben, die Lokalpresse titelte: „Therapie-Klinik: Neuss entsetzt“ und selbst Stadtoberhaupt Napp schien plötzlich zum „Wutbürger“ zu mutieren. Kaum wurde Entwarnung gegeben, herrschte wieder die gewohnte Beschaulichkeit auf der Neusser Grünstraße, die Inhaftierung und Abschiebung vor Unterdrückung und Ausbeutung politischer, sexueller, wirtschaftlicher und religiöser Natur geflohener Frauen kann weiterhin in Ruhe und Ordnung vonstattengehen.
Weitere lokale Beispiele für Ignoranz als einem gewalttätigen Element der bundesdeutschen Gesellschaft liefert die Art der historischen Auseinandersetzung mit der Zeit zwischen 1933 und 1945. So sei etwa auf den promovierten Juristen Adolf Flecken verwiesen, der während des Zweiten Weltkrieges in seiner Eigenschaft als „Geschäftsführer der Verwaltungsstelle Neuss der Zweigstelle Düsseldorf der Industrieabteilung der Wirtschaftskammer Düsseldorf“ als Bindeglied zwischen der Neusser Wirtschaft und dem lokalen Apparat der Nazis fungierte. Insbesondere war Flecken für die Unterbringung und den Einsatz von knapp 10.000 ausländischen ZwangsarbeiterInnen verantwortlich, die in Neuss bis an die Grenzen ihrer physischen Belastbarkeit und allzu oft darüber hinaus ausgebeutet wurden. Für diese Taten wurde Flecken niemals zur Rechenschaft gezogen. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 als ehemaliges Mitglied der katholisch geprägten Zentrumspartei kurzzeitig inhaftiert, galt Flecken vielmehr als politisch unbelastet und saß dem Neusser Entnazifizierungsausschuss, der ihn hätte belangen können, selbst vor. So stand einer glänzenden Nachkriegskarriere Fleckens, der als CDU-Politiker zunächst zum Innen-, dann zum Finanzminister des Landes NRW avancierte, nichts mehr im Wege. Während einem Zwangsarbeits-Organisator wie Adolf Flecken die Ehre einer Straßenbenennung in exponierter Lage zuteilwurde, wartet eine Reihe antifaschistischer WiderstandskämpferInnen bis heute auf ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Anerkennung.
Bezeichnend für die diesbezügliche Erinnerungskultur nicht nur im Kreis Neuss ist der Fall des 1879 in Stessen geborenen Kunstschlossers Heinrich Schlösser. Schlösser engagierte sich ab 1898 für die SPD, bevor er 1920 zur kommunistischen KPD wechselte. Einige Jahre lang vertrat Schlösser die KPD im Gemeinderat Bedburdyck und im Kreistag Grevenbroich. Mitte der 1920er Jahre zog er sich aus der Politik zurück. Weiterhin zeichnete ihn aber Zivilcourage aus, wie sich 1943 zeigen sollte. So schritt Schlösser ein, als ein Bauer und ein Unteroffizier einen französischen Kriegsgefangenen malträtierten. Hierfür wurde er wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und im November 1943 hingerichtet.
Im Frühjahr 2009 setzte sich die Jüchener SPD dafür ein, ein bislang namenloses Wäldchen in Schlössers Geburtsort nach ihm zu benennen. Die örtliche CDU schmetterte den Vorschlag mit der Begründung ab, Schlösser sei als Kommunist „Gegner der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ gewesen. Außerdem verwies sie ohne Angaben von Quellen auf Gerüchte, wonach Schlösser zu sehr dem Alkohol zugesprochen habe.
Wir wehren uns gegen diesen Rufmord an Heinrich Schlösser und treten dafür ein, seiner angemessen zu gedenken. Eine Neusser Straße in zentraler Lage, die nach einem Koordinator nationalsozialistischer Zwangsarbeit benannt ist, scheint uns für eine solche Ehrung wie geschaffen.
Exemplarisch für die mehr als fragwürdige Auseinandersetzung mit der Neusser Geschichte während der Nazi-Herrschaft ist auch die Abstimmung des Kulturausschusses 2009 zur „Düllgenstraße“ in Grimlinghausen. Zwar war sich der Ausschuss – bis auf eine Enthaltung – einig, dass eine Straße nach Hermann Düllgen benannt werden soll. Ein Hinweis auf dem Erläuterungsschild, dass er in Frankfurt hingerichtet wurde, war allerdings mehrheitlich unerwünscht.
Dass Menschen, die sich den damaligen Verhältnissen widersetzten, verschleppt und ermordet wurden, wird in diesem Beispiel bewusst ausgeblendet. Stattdessen wird sich in gesellschaftlichen Debatten darüber beklagt, dass die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges zu wenig Berücksichtigung in der Geschichtsaufarbeitung fänden. Hier liegt die Vermutung nahe, dass die Katastrophe jener Zeit durch die Vermischung von TäterInnen und Opfern relativiert werden soll. Ein vernünftiger Begriff von Geschichte sieht anders aus!
Setzen wir uns auf eine vernünftige Art und Weise mit der Geschichte auseinander, stellen wir fest, dass auch in der Gegenwart die Vergangenheit immer noch Früchte trägt.
Organisationen wie die NPD Neuss oder die so genannten Autonomen Nationalisten Neuss – die erst kürzlich die Schändung eines jüdischen Denkmals in Meerbusch hämisch bejubelten – sind nur die Spitze des Eisberges.
Anstatt unter die Oberfläche zu schauen, gefällt sich der größte Teil der Gesellschaft in der Rolle der „bürgerlichen Mitte“, die die Fahne der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ in den Wind hält.
Mit natürlich „streng wissenschaftlichen“ Extremismustheorien werden Menschen, die versuchen, bestehende Verhältnisse emanzipatorisch in Frage zu stellen und sie als Schleier eines Herrschafts- und Ausbeutungssystems zu entlarven, in eine Schublade mit Organisationen gesteckt, die den Standpunkt vertreten, diese Verhältnisse seien nur unter Berufung auf einen rassistischen Nationalismus zu überwinden.
Hermann Düllgen und August Höhfeld waren Menschen, die mit den Verhältnissen, in denen sie lebten, nicht einverstanden waren. Im Kampf gegen diese ließen sie ihr Leben.
Aus diesem Grund gedenken wir ihrer an diesem Tag. Gedenken heißt auch immer sich zu erinnern. Nutzen wir diese Erinnerung. Walter Benjamin schrieb: „Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen >wie es eigentlich gewesen ist< . Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“
Erinnern wir uns an die antifaschistischen WiderstandskämpferInnen. Erinnern wir uns an Menschen, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben, anstatt es in den Hände der Herrschenden zu belassen. Erinnern wir uns daran, dass mit dem Untergang des deutschen Faschismus nicht die diesem zu Grunde liegende Ideologie verschwand und schon gar nicht die lange Geschichte von Herrschaft und Unterdrückung beendet wurde.
Erinnern wir uns und kämpfen wir weiter!