Entweder oder

Dreadlocks und Erinnerung: Die Hardcore – Band Jingo de Lunch feiert 20 jährigen Geburtstag

Es ist mittlerweile 20 Jahre her, da kam eine Platte raus, die sich „Perpetuum Mobile“ nannte; mit punkrockigen Tönen und einem Sound, der teilweise an die Hardcore- Legende Bad Brains aus Washington D.C. erinnerte, rückten vier Berliner Männer und eine ursprünglich aus den USA kommende Sängerin mit dem lautmalerischen Namen Yvonne Ducksworth der damals recht kleinen Hardcore- Gemeinde auf die Pelle. Jingo de Lunch hieß die Band.

Vor zwanzig und noch vor 15 Jahren war diese Band ähnlich wie die Spermbirds Inbegriff der schnelleren und härteren Variante des Punk, die sich Hardcore nannte, eine Musik, die für Musiker, die ihre Instrumente beherrschen, bald eine Zwangsjacke darstellte. Die Stile fransten aus, die Musikindustrie erfand verschiedenste Sparten wie Emo- Core, Grind- Core und andere Schubladisierungen. Jingo de Lunch löste sich fast vollständig aus diesem Kontext und spielten vor etwa zehn Jahren nur noch halbgaren, gitarrensolilastigen Hardrock, Auflösung 1996. Diese Zeit sollte vergessen werden.
Daran ließen auch die fünf Leutchen aus Berlin keinen Zweifel aufkommen, als sie Mitte des Monats im Freiburger Café Atlantik in der Originalbesetzung nach 20 Jahren wieder auf der Bühne standen und ihr Erwachsenwerden feierten. Entweder es wird peinlich oder genial, meinte ein Bekannter, letzteres war der Fall, denn Jingo probte den reflektierten, aber dennoch begeisterten Rückgriff, die jugendlichen Sternstunden leuchteten wieder auf. Sie spielten fast ausschließlich Songs ihrer ersten drei Platten, die auch alle auf einer unlängst veröffentlichten Compilation über die „Independent Years“ enthalten sind.
Für die Band bedeutete der erste Auftritt seit elf Jahren große Aufregung – was sympathisch machte, für die Besucher ein Klassentreffen – was zu einer leicht überspannten Situation und viel zu viel Bierkonsum führte. Schließlich waren Jingo lange Jahre eine der Lieblingsbands der „Szene“. Welcher? Na, der Autonomen eben. Seit Ende der 80er Jahre ist aber einiges anders geworden und auch auf der Band lastet einiges an Erwartungen. Der Gitarrist Henning Schwoll versuchte diesem Druck mittels prolliger Offensivtaktik zu begegnen, spielte den selbstironischen Animateur, immer in der Furcht, das Publikum könnte nicht genug jubeln. Tat es aber überschwänglich. Auch weil der große Star des Abends, die Sängerin Ducks Worth nach anfänglichen heiserkeitsbedingten Problemen mit der Stimme nach drei Stücken wieder ganz die alte war. Apropos: natürlich sind sie älter geworden, Schwoll behauptete sogar, er wäre 48. Älterwerden ist nicht unproblematisch bei einer Band, die mit zerrissenen Hosen, Dreadlock-Frisuren und viel zu viel Tätowierungen – man glaubt es kaum – Attraktivität und Seeräubercharme ausstrahlten. Die nächsten Konzerte fanden in Wien, München und Berlin statt. Und man kann konstatieren: trotz der Mainstreamisierung von Piercing und Tattoos spätestens im Zuge Loveparade wirken die fünf Berliner Hardcore-Punks auf angenehme Art dissident. Sie bleiben es auch, weil sie Menschen mit Geschichte sind, die sich an diese Geschichte erinnern. Ducksworth ruft die Zeit der Konzerte in autonomen Jugendzentren ins Gedächtnis, weist auf gemeinsame Konzerte mit den anarchistischen und antifaschistischen Italo-Combos wie Negazione und Kina hin. Deshalb wird die Tour auch bis Ende des Monats in Italien fortgesetzt. Und Ducks Worth weiß, gegen wen sie solche Texte wie „Utopia“ von der großartigen „Perpetuum Mobile“-Platte geschrieben hat. Menschen, die nicht vergessen, werden nie hässlich sein.

Jingo de Lunch „The Independent Years“ (Rookie Records/Cargo)

Quelle:
Hanser, Walter: Entweder oder. Dreadlocks und Erinnerung: Die Hardcore- Band Jingo de Lunch feiert 20 jährigen Geburtstag, in: junge Welt, Berlin ,27.9.2007, Seite 12.




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