Georg Elser (1903-1945)

Wer während des „Dritten Reiches“ die nationalsozialistische Repressions- und Vernichtungsmaschinerie zu behindern oder gar zu attackieren versuchte, verdient großen Respekt, mag der Widerstandsbeitrag (bei bloß oberflächlicher Betrachtung) auch noch so klein erscheinen.
Dies gilt für sämtliche NazigegnerInnen, ganz gleich, ob sie KommunistInnen, SozialdemokratInnen, AnarchistInnen, bekennende ChristInnen oder schlicht und ergreifend Menschgebliebene waren.

Zu letzteren zählte der schwäbische Kunstschreiner Johann Georg Elser, der zwar durchaus fromme Momente hatte und als zeitweiliges Mitglied des Rotfrontkämpferbundes Sympathien für die KPD hegte, sich aber ansonsten jeglicher Kategorisierung in ein bestimmtes Widerstandslager beharrlich verschließt. Elser war ein absoluter Einzelgänger, dem keinerlei illegalen Aktionszusammenhänge Kraft, Halt und Unterstützung spendeten, der vielmehr vollkommen autonom plante und handelte. Um so höher ist sein entschlossener Einsatz für die Befreiung „Großdeutschlands“ vom mörderischen Joch der NS-Diktatur zu bewerten, der einzig und allein auf ein Ziel ausgerichtet war: den Tod Adolf Hitlers und möglichst vieler weiterer brauner Parteibonzen. Der gewöhnlich bei seinem zweiten Vornamen gerufene Johann Georg Elser wurde am 4. Januar 1903 in Hermaringen, einem kleinen Dorf auf der württembergischen Ostalb geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er im wenige Kilometer entfernt gelegenen Königsbronn. Sein Vater Ludwig arbeitete hier als Holzhändler, versoff aber mehr Geld als er verdiente, weshalb Georgs Mutter Maria sich gezwungen sah, die Familie, welche im Laufe der Jahre auf sechs Personen anwuchs, durch Obst- und Gemüseverkauf finanziell über die Runden zu bringen. Von ihrem Ältesten erwarteten beide Elternteile frühzeitig tatkräftige Unterstützung, die ihnen Georg auch nicht verwehrte. Sehr zum Verdruss Ludwig Elsers weigerte er sich allerdings nach Absolvierung der Volksschule entschieden, seine berufliche Zukunft mit dem maroden väterlichen Betrieb zu verknüpfen. Stattdessen begann er eine Lehre als Eisendreher, die er jedoch auf Grund gesundheitlicher Probleme nach einigen Monaten abbrach. Einen neuen Berufseinstieg versuchte Georg als Schreinerlehrling. Diesmal verlief die Ausbildungszeit reibungslos und er bestand im Frühjahr 1922 an der Gewerbeschule zu Heidenheim als Jahrgangsbester die Gesellenprüfung. Georg war inzwischen zu einem außerordentlich versierten Kunstschreiner herangereift, der in seiner Arbeit vollkommen aufzugehen vermochte. In materieller Hinsicht angemessen vergolten wurden ihm seine herausragenden schöpferisch-handwerklichen Fähigkeiten, zu deren Perfektionierung er Königsbronn für einige Jahre den Rücken kehrte, jedoch nicht, was den schweigsamen jungen Mann erbitterte. Sein Zorn über die systematische Ausbeutung der ArbeiterInnenschaft ließ ihn sich innerlich der KPD zuwenden, die er als legitime Vertreterin der Interessen des deutschen Proletariats empfand. Ende der 20er Jahre schloss sich Georg dem der KPD nahestehenden Rotfrontkämpferbund an, ohne aber in der Folgezeit aktiv als dessen Mitglied in Erscheinung zu treten. Überhaupt pflegte er mit Ausnahme einer Reihe zumeist flüchtiger Liebesaffären sowie diverser Musikvereine, in deren Zusammenkünften der passionierte Zitherspieler Erholung suchte und fand, kaum außerberufliche soziale Kontakte.
Die fatale nationalsozialistische Machterschleichung vom 30. Januar 1933 erfüllte Georg mit großer Sorge. Er leistete zwar zunächst keinen offensiven Widerstand, war aber auch nicht bereit, seine ausgeprägte Individualität „Führer, Volk und Vaterland“ zu opfern. So mied Georg braune Aufmärsche, grüßte selbstredend nicht mit „Heil Hitler“, hätte sich eher den rechten Arm abgehackt, anstatt ihn zum „deutschen Gruß“ emporzurecken, und wenn im Gasthof „Hirsch“, wo sich der Zitherenthusiast regelmäßig mit anderen MusikfreundInnen traf, Hitlers penetrantes Stimmorgan aus dem Radioapparat plärrte, erhob er sich rasch und verschwand. Seine strikt ablehnende Haltung dem „Tausendjährigen Reich“ gegenüber verfestigte sich durch die arbeiterInnenfeindliche Politik des Nazi-Regimes. Besonders erboste ihn die brutale Zerschlagung des gesamten deutschen Gewerkschaftswesens. Ferner registrierte Georg nach einer Weile brauner Terrorherrschaft, dass er und seine Kollegen beileibe nicht mehr, sondern weniger Lohn erhielten als vor 1933. Den entscheidenden Impuls zum direkten Angriff auf das Herz des NS-Staates erhielt Georg aber „erst“ durch die nahezu in ganz Europa mit atemloser Spannung verfolgten Ereignisse des Herbstes 1938.
Im Gegensatz zu Hitlers Verhandlungspartnern auf der Münchener Konferenz, unter denen sich beispielsweise der britische Premierminister Neville Chamberlain und Frankreichs Regierungschef Edouard Daladier befanden, ließ sich der Schreinergeselle aus der süddeutschen Provinz keinen Augenblick lang von des „Führers“ Beteuerungen, das Sudetengebiet stelle definitiv seine letzte territoriale Forderung dar, blenden. Hitler an der Macht, so hatte er nun endgültig erkannt, bedeutete unweigerlich Krieg. Im Umkehrschluss hieß dies für ihn, dass zur Bewahrung des Friedens Hitler beseitigt werden musste. Georg beschloss, entsprechend zu handeln. Der Gedanke, ein Attentat auf den „Führer“ zu verüben, wäre selbst etlichen überzeugten AntifaschistInnen im Jahre 1938 aus verschiedenen Gründen als schlichtweg ungeheuerlich erschienen. Georg aber fasste ihn nicht nur, sondern formte ihn innerhalb weniger Wochen zu einem festen Plan aus. So erfuhr er Anfang November 1938 beim Lesen einer Tageszeitung vom bevorstehenden Treffen der „alten Kämpfer“, das alljährlich am Vorabend des 9. November zu Ehren der „Blutzeugen der Bewegung“ (sprich: der im Zuge des braunen Operettenputsches von 1923 umgekommenen deutschen Faschisten der ersten Stunde) im Münchener Bürgerbräukeller stattfand. Neben der Anwesenheit des „Führers“ erregte an diesem Gedenkspektakel die Tatsache sein Interesse, dass es zum Pflichtprogramm nahezu der gesamten Nazi-Elite gehörte. Außer Hitler wollte Georg nämlich auch den Rest der NSDAP-Spitze, zumindest aber noch Goebbels und Göring auslöschen. Um zu erkunden, ob die traditionelle Zusammenkunft der braunen Parteiveteranen hierzu eine günstige Gelegenheit bot, reiste Georg am 8. November 1938 in die bayerische Landeshauptstadt, wo er nach dem Ende der Veranstaltung den Festsaal des Bürgerbräukellers inspizierte. Besonders stark prägte sich ihm an diesem Abend eine Säule direkt hinter jenem Podium ein, von welchem der „Führer“ Jahr für Jahr seinen obligaten Redeschwall über braune „Jubelrudel“ ergoss. Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus München begab sich Georg an die Planung des Attentats. Er beschloss, im Vorfeld des nächsten Treffens der „alten Kämpfer“ eine möglichst große Menge Sprengstoff in besagter Säule hinter dem Rednerpult zu deponieren. Die Explosion sollte per Zeitzünder erfolgen, und zwar während Hitlers Ansprache. Längeres Kopfzerbrechen bereitete Georg lediglich die Wahl des Zündmechanismus. Er entschied sich schließlich für eine höchst komplizierte Apparatur, deren Entwicklung und Bau ihn für Monate in Anspruch nahm. Wesentlich unproblematischer gestaltete sich hingegen die Beschaffung des Sprengstoffs. Georg heuerte einfach für kurze Zeit als Hilfsarbeiter bei einem Steinbruchbesitzer an und hielt sich an dessen Lagerbeständen schadlos. Die Grundvoraussetzungen für das Gelingen des Anschlags waren somit erfüllt. Alles Übrige musste vor Ort erledigt werden. Im August 1939 siedelte Georg daher nach München über. Von nun an lebte er nur noch für das Attentat. Die Präparation jener als Sprengstoffversteck gedachten Säule erwies sich als ein extrem schwieriges Unterfangen. Da letzteres natürlich nicht unter ZeugInnen in Angriff genommen werden konnte, ließ sich Georg von September bis Anfang November an die drei Dutzend Mal (!) jeweils spätabends im Festsaal des Bürgerbräukellers einschließen. Aus Angst vor Entdeckung jedes unnötige Geräusch peinlich vermeidend, entfernte er in mühevoller Kleinarbeit einen Teil des Säuleninneren, ohne dass dies von außen selbst bei intensiver Betrachtung aufgefallen wäre. In der Nacht vom 5. auf den 6. November 1939 verbrachte Georg seine „Höllenmaschine“ in die ausgemeißelte Höhlung und stellte sie für den Abend des 8. Novembers scharf. Tatsächlich erfolgte die Explosion am Tag X exakt zur geplanten Zeit (um 21.20 Uhr) und entfaltete die vorausberechnete Zerstörungskraft. Ein Teil der Saaldecke stürzte ein und erschlug 8 Menschen, unter denen sich leider auch eine Kellnerin des Bürgerbräukellers befand. Hitler jedoch zählte nicht zu den Todesopfern und vielen Verletzten. Der „Führer“, dem die alljährliche Zusammenkunft der „alten Kämpfer“ angesichts des einige Wochen zuvor durch ihn entfachten Vernichtungskrieges als ein eher läppisches Einpeitschritual erschienen sein mag, hatte nämlich seine Anhänger der ersten Stunde mit einer ungewohnt knapp gehaltenen Ansprache abgespeist und den Bürgerbräukeller cirka 10 Minuten vor Auslösung der verheerenden Detonation wegen „dringender Staatsgeschäfte“ verlassen. Der Festsaal des Bürgerbräukellers lag noch nicht in Schutt und Asche, als Georg direkt in sein uniformiertes Unglück lief. So verhaftete ihn nahe Konstanz, kaum einen Steinwurf von der schweizerisch-deutschen Grenze entfernt, ein Zöllner namens Waldemar Zipperer. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass dies wohl nicht geschehen wäre, hätte Zipperer streng Dienst nach Vorschrift geschoben. Ausnahmsweise saß er nämlich gemeinsam mit einem Kollegen vor dem offenen Fenster eines Erziehungsheimes, um der Radio-Live-Übertragung der Hitlerschen Bürgerbräukeller-Rede zu lauschen. Von dieser Position aus erspähte Zipperer Georg, der sich widerstandslos abführen ließ. Zu allem Überfluss lieferte der Festgenommene gewichtige Indizien, die auf ihn als Urheber des sensationellen Münchener Attentatsversuches hindeuteten, frei Haus. So fanden sich bei ihm ein Abzeichen des inzwischen längst verbotenen Rotfrontkämpferbundes, diverse Zünderbauteile sowie eine Postkarte mit dem Motiv des Bürgerbräukellers. Nichtsdestotrotz bestritt er anfangs kategorisch jegliche Beteiligung an der Münchener Aktion. Dann jedoch konfrontierte ein Vernehmungsbeamter Georg mit dem Umstand, dass der/die Attentäter etliche Stunden kniend vor der zu präparierenden Säule verbracht haben musste(n) und befahl ihm, seine Hosenbeine hochzukrempeln. Nun wusste Georg, dessen Knie angeschwollen und vereitert waren, dass Leugnen keinen Sinn mehr machte. Er gestand also, was aber seine Lage zunächst noch erheblich verschlimmerte, weil Himmler, in Personalunion SS-Reichsführer und Chef der deutschen Polizei, ein propagandistisch ausschlachtbares internationales Mordkomplott gegen Hitler witterte. Georg wurde deshalb zu „verschärften Verhören“ in die Berliner Folterzentrale der Gestapo (Prinz-Heinrich-Straße) überstellt. Doch so sehr professionelle Schläger ihn auch quälten und verdroschen, als Einzeltäter vermochte er seine Hintermänner beim besten Willen nicht zu nennen. Statt dessen konnte er aus dem Gedächtnis den Konstruktionsplan der „Höllenmaschine“ aufzeichnen und gar ein zweites Modell der ebenso originellen wie effizienten Zündapparatur bauen. Obwohl nun für die seinem Fall zugeteilten Gestapo-„Ermittler“ kein begründeter Zweifel mehr an Georg Alleintäterschaft bestand, wurde der verhinderte Hitler-Mörder nicht einfach kurzerhand liquidiert, wie unermesslich viele andere Nazi-GegnerInnen während der Jahre 1933-45. Der „Führer“ höchstselbst fasste nämlich den Entschluss, Georg nach dem „Endsieg“ als Kronzeuge in einem Schauprozess gegen die „eigentlichen Drahtzieher“ des Anschlags (sprich: den britischen Geheimdienst) zu präsentieren. Bis dahin sollte das angebliche Werkzeug des Secret Service im Status eines „Schutzhäftlings des Reichssicherheitshauptamtes“ unter permanenter staatlicher Totalkontrolle verbleiben. Auf diese Anweisung Hitlers hin wurde Georg Ende 1939 in das KZ Sachsenhausen überstellt. Streng abgeschirmt vom übrigen Lagerleben und -sterben, fristete er hier ein zermürbendes Dasein. Zwar bewohnte er eine relativ geräumige Zelle und durfte nach Belieben Schreinerarbeiten verrichten, doch überwachten ihn Tag und Nacht mindestens zwei SS-Aufseher. Die gleichen fragwürdigen Privilegien genoss Georg auch in Dachau, wohin er nach cirka 5 Jahren Sachsenhausen gebracht wurde. Als die Befreiung des dortigen Konzentrationslagers durch die US-Soldaten nur noch wenige Wochen bevorstand, befahl schließlich Himmler nach Rücksprache mit Hitler den baldigen „Unfalltod“ des „Schutzhäftlings“ Elser. Am Abend des 9. April 1945 wurde Letzterer daraufhin unter nicht genau geklärten Umständen ermordet.
Nach dem Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“ blieb Georg der ihm gebührende Respekt zunächst in Ost- wie Westdeutschland versagt. Für das Gebiet der DDR taugte er nicht als antifaschistisches Vorbild, da die SED-Führung jedweder Form von Individualität zutiefst misstraute. Innerhalb der BRD gelangte Georg zu ähnlich kärglichem Nachruhm, weil hier nahezu ein(e) jede(r) von nichts gewusst oder aber einzig und allein seine/ihre Pflicht erfüllt haben wollte. In einer solchen Atmosphäre des Verdrängens und Verschweigens musste der Versuch eines „einfachen“ Deutschen, Hitler zu töten, zumal unternommen, bevor das industrialisierte Massenmorden in Auschwitz, Treblinka, Sobibor und weiteren Vernichtungsfabriken begonnen hatte, als eine Art historischer Störfall erscheinen. So wurde Georg in Westdeutschland über Jahrzehnte hinweg als fanatischer Sonderling verunglimpft oder gar komplett ignoriert, was einem späten Sieg des Nazi-Regimes gleichkam. Inzwischen gibt es zwar eine Reihe von Aufsätzen, Büchern und Filmen, die ein vorurteilsfreies Bild des Antifaschisten und Hitler-Attentäters Johann Georg Elser vermitteln, doch noch immer harrt sein persönlicher Feldzug gegen den Nationalsozialismus angemessener Würdigung.




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